13.12.2011, 15:00 von Förderverein „Mama/Papa hat Krebs“ e.V.
Die Schlange wächst. Seife, Taschentücher, Lippenstift, eine Haarbürste flutschen geradezu über den Scanner. Summe drücken, Wechselgeld abzählen. Kein Zuckerschlecken. An der Kasse sitzt ein Herr im feinen Anzug, arbeitet akribisch. Schiebt kurz die Brille nach oben ins Haar und lässt die Ware rollen. Die meisten erkennen ihn. „Das ist doch unser Oberbürgermeister!”
Der Nächste bitte! Klaus Weichel ist freundlich und hochkonzentriert. Der Mann hat's drauf. Nur was tut er hier? Ist es um die Stadt schon so schlecht bestellt, dass sie ihren eigenen Oberbürgermeister nicht mehr entlohnen kann und er sich ein Zubrot verdienen muss? Natürlich nicht.
Die Drogeriemarktkette dm hat ihr Geschäft in der Fackelstraße nach einem Umzug auf über 650 Quadratmeter erweitert, will anlässlich der Neueröffnung etwas Gutes tun. Und Weichel steht mit im Dienst der guten Sache. Eine Stunde gibt er den Kassierer, im Wissen, dass alle seine Einnahmen von dm an die Deutsche Parkinson-Vereinigung und an „Mama/Papa hat Krebs” gespendet werden.
„So und was mach' ich jetzt?” Ein ratloser Oberbürgermeister legt die Stirn in Falten. Ein junger Mann hält ihm die Rechnung entgegen. Der Betrag stimmt nicht. Ein Produkt erscheint gleich zweimal. Und nun? Gut, dass Vera Zapotoczny, Mitarbeiterin im Drogeriemarkt, hinter Weichel ausharrt. Schnell ist der Fehler bereinigt, ein frohes Weihnachtsfest gewünscht. Weiter geht's.
Der Job ist nicht einfach. Überall zücken die Kunden kleine Handykameras und nun harrt auch noch eine Geschenkkarte an der Kasse auf ihre Erfüllung. Alles wird gut. Mit Geschenken scheint er sich ja doch auszukennen. Es klappt, die Kundin ist zufrieden. Wiltrud Jodexnus kontrolliert ihr Wechselgeld genau. „Das hat nichts mit Herrn Weichel zu tun, ich traue niemand”, lacht die Frau, schnappt sich ihre Einkäufe und geht amüsiert davon. Man wird ja nicht jeden Tag von einem Oberbürgermeister bedient.
Seltsam nur, an den anderen Kassen ist so gar nichts los. Des Rätsels Lösung heißt Birgit Platz vom Verein „Mama/Papa hat Krebs”. Charmant lotst sie die Kunden an die richtige Kasse. Nur was Weichel abkassiert, wird zur Hälfte an ihre Organisation gespendet, so lautet nun mal die Spielregel. In den neuen Räumlichkeiten, die ihre Krebsorganisation Anfang Januar beziehen kann, fehlt es noch an vielem. Dorthin soll laut Platz die Spende fließen. Die zweite Hälfte der vom Stadtoberhaupt einkassierten Summe dürfen Willfried Scholl und Ria Gerike für die Deutsche Parkinson-Vereinigung entgegennehmen und zwar speziell für junge Parkinsonkranke. Im Raum Kaiserslautern gibt es nach Aussage von Scholl 150 junge Erkrankte. „Der jüngste ist unter 20”, bestätigt Gerike.
Und Weichel lässt die Kasse brummen, wird immer sicherer. „Bitte keine Kritik. Bald ist Weihnachten”, gibt er einer ob der Wartezeit allzu ernst dreinschauenden Dame mit auf den Weg. Es fruchtet. Sie lächelt ihn an, diesen Herrn im feinen Zwirn und Schlips, der da so nett an der Drogeriemarktkasse sitzt und Geld für den guten Zweck scheffelt. (DORIS THEATO)
Quelle:
Verlag: DIE RHEINPFALZ
Publikation: Pfälzische Volkszeitung
Ausgabe: Nr.289
Datum: Dienstag, den 13. Dezember 2011
Seite: Nr.16
"Deep-Link"-Referenznummer: '8443697'
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